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DIE ZERRINNENDE ZEIT

Die Zeit ist relativ, wusste schon Albert Einstein. Niemand glaubte ihm, bis die Hochenergiephysik seine Theorie bewies. Die Zeit zerrinnt. Das erkannte nicht nur Salvador Dali, als er sein geniales Bild malte. Die Zeit, die uns unter den Fingern wegzuschmelzen scheint, erkennen wir beim Blick in die Vergangenheit.

Die Schüler und Schülerinnen, die heuer die Matura ablegen, wurden großteils in den Jahren 1983 und 84 geboren. Sie kennen nur Papst Johannes Paul II, und sie kennen keine österreichischen Kanzler vor Viktor Klima und Helmut Schüssel. Bei "The Day After" denken sie an Kopfschmerzen, nicht aber an den Film, in dem Kansas City durch Atombomben vernichtet wurde. Der Film hat während des kalten Krieges wochenlang für Diskussionen gesorgt. Die heurigen Maturanten haben nie einen Plattenspieler besessen, da schon vor ihrer Geburt die Compact Disc erfunden wurde.

Die Maturantengeneration 2002 hat nie ein TV-Gerät mit nur drei oder vier Programmen gesehen, ganz zu schweigen von einem Schwarz-Weiß-Gerät oder gar von einem Modell ohne Fernbedienung: Beim Umschalten auf einen anderen Kanal musste man sich seinerzeit aus dem Sessel erheben. Der so genannte "Walkman" wurde vor ihrer Geburt erfunden. Inzwischen ist er schon fast verschwunden und wurde durch den "Diskman" ersetzt, aber auch der hat an Bedeutung zugunsten der MP3-Player verloren. Rollschuhe haben heute Rollen, die hintereinander angeordnet sind, und der Schuh war immer schon dran. Discoroller sind unbekannt. Ein Maturant von 2002 kann sich kaum vorstellen, wie man früher ohne SMS oder E-Mails zu "Infos" kam, und Recherchen macht man eher im Internet als in einer Bibliothek.

"Wetten dass..." war immer von und mit Thomas Gottschalk, der legendäre Quizmaster Hans-Joachim Kulenkampff ist unbekannt, und Hans Krankl schoss nie Tore, sondern war immer ein Fußballtrainer. Und wer war eigentlich Jochen Rindt? Ein Maturant von 2002 weiß nicht, wer "J.R." war - immerhin die Hauptfigur der bisher größten TV-Seifenoper.

Wenn Sie als Leser all das wissen, was Maturanten heute nicht wissen, dann ist der Schmelz der Jugend dahin. Aber auch wir wissen vieles nicht, was unsere Vorfahren wussten. Neues ersetzt Altes, und Altes gerät manchmal in Vergessenheit. Das ist der Gang des Lebens - "Walk of Life" spielte die Band "Dire Straits". Diese und andere Musik von gestern bleibt allerdings unvergessen, und den jungen Damen und Herren wünschen wir viel Erfolg bei der Matura!

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© 2002 Rudolf Öller, Bregenz