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NO BLAST?

In den USA gibt es eine unbekannte Zahl religiöser Gruppen. Viele von ihnen stehen mit den modernen Wissenschaften auf Kriegsfuß. Man findet daher im Land der unbegrenzten religiösen Möglichkeiten T-Shirts mit dem Aufdruck "No blast in my past!" ("Keine Explosion in meiner Vergangenheit!"). Die Theorie vom Urknall wird von allerlei Sekten abgelehnt, weil sie gotteslästerlich erscheint.

Die Zeitschrift "P.M." sieht das anders. Sie brachte im November 2001 einen kurzweiligen Artikel. Die Urknalltheorie, so wurde geargwöhnt, sei eine simple Erfindung des belgischen Astronomen Abbé Lemaître, um den Schöpfungsbericht der Bibel zu retten. In der Genesis wird ja berichtet, dass das Licht am ersten Tag erschaffen wurde, die Sonne aber erst am vierten Tag. Das Licht des ersten Tages werde als Allegorie für den Urknall gedeutet, damit die Schöpfungsgeschichte zur Wissenschaft passe.

In der Kirche sieht man die Sache ähnlich. Papst Johannes Paul II hat die Theorie vom Urknall bekräftigt und vor wenigen Jahren in einem Gespräch mit Astronomen gemeint, man solle den Urknall nicht weiter erforschen, weil er der Schöpfungsakt Gottes sei. Das aber passt nicht ins Weltbild einiger Physiker. Die Österreicher Herman Bondi und Thomas Gold sowie der Engländer Fred Hoyle lehnten bereits 1948 die Urknalltheorie ab und entwickelten Alternativhypothesen. Hatte man zuvor von einer "dichten und heißen Phase" des Universums gesprochen, so erfand Hoyle die Spottbezeichnung "big bang", was in der deutschen Sprache mit "Urknall" übersetzt wurde.

Niemand war beim Urknall dabei. Woher nehmen die Physiker also das Recht, darüber zu reden? Alle Theorien über die Vergangenheit sind das Ergebnis von Spurenauswertungen. Historische Dokumente berichten über Julius Caesar, Knochen erzählen etwas über kolossale Saurier, und kosmische Strahlungen künden von einer heißen Phase des Universums.

Dynamische Modelle des Universums gibt es schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch Albert Einstein, Abbé Georges Lemaître und andere. Die so genannte relativistische Rotverschiebung war ein erster kleiner Hinweis auf ein sich ausdehnendes Weltall, doch in den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche weitere Spuren gefunden wie etwa die kosmische Hintergrundstrahlung. Am heißen Beginn unseres Universums zweifelt heute kein Astrophysiker mehr. Interessanter ist eher die Frage, ob es vor dem Urknall irgendetwas gegeben hat oder nicht. Die Physiker haben längst begonnen, diese Frage zu bearbeiten. Der entsprechende Wunsch des Papstes wird nicht in Erfüllung gehen.

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© 2002 Rudolf Öller, Bregenz