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GOTTES AUSERWÄHLTE VÖLKER?

Adolf Hitler wurde im April 1924 wegen des missglückten Putsches von 1923 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, aus der er bereits ein halbes Jahr später vorzeitig entlassen wurde. Dort schrieb er den ersten Band seines Manifests "Mein Kampf". Darin heißt es unter anderem: "So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn."

Der Ägypter Sajjid Qutb (sprich "Kutb") trat in den Fünfzigerjahren in die radikale Bewegung der Muslimbruderschaft ein. Er verurteilte die ägyptische Regierung und ihre vermeintlich frevelhafte Abkehr von islamischen Grundsätzen. Qutb propagierte den Koran als einzige Quelle aller Richtlinien und schloss jede zeitgenössische Interpretation aus. Bewaffneter Aufstand sei die göttliche Pflicht eines jeden Muslims im Kampf gegen alle Ungläubigen. Diese Lehre setzen die Islamisten weltweit auf mörderische Weise um.

Die deutschsprachige Internetseite von "Jerusalem-Shalom" verkündet unter anderem: "Es gibt Christen, die meinen, dass das heutige Volk Israel im Lande Israel nicht mehr Gottes auserwähltes Volk ist, sondern ein Volk wie jedes andere." Der Kommentar eines israelischen Theologen ist kurz und direkt: "Wer den Glauben und das Leben Israels ... tiefer betrachtet, kommt zu dem Ergebnis, dass das Volk Israel im Lande Israel auch heute nach wie vor Gottes auserwähltes Volk ist."

Auch die Schweizer blieben von Traumbildern nicht verschont. Im Spätmittelalter sahen sie sich im Besitz handfester Beweise der göttlichen Auserwähltheit. In mehreren Schlachtensiegen erblickte das Volk in den Bergen ein Gottesurteil. Mit Sprüchen wie "gott hat die unedlen [Bauern] usserwelt" wurde ein Mythos aufgebaut, der in die Überzeugung mündete, die Schweiz sei das von Gott auserwählte Volk Europas. "Ir sind gefuert als israel, durchs mer mit keinem schaden" sang Mathias Zoller nach dem Murtensieg. Später beteten die Schweizer: "ach gott lass ab din grimmen zorn, vergiss nit din volk usserkorn!"

Die Ära der Aufklärung konnte den Auserwählungsmythus nur teilweise beseitigen. Keine seriöse Wissenschaft käme jedenfalls zum Ergebnis, eine geschlossene Gruppe von Menschen wäre für etwas Vollkommenes auserkoren. Entweder sind alle auserwählt oder keiner. Einem auserwählten Volk anzugehören oder im Auftrage einer höheren Macht unterwegs zu sein, mag Volksmythen, eventuell auch Ideologien entspringen. Im Grunde handelt es sich um Blendwerke, die einem beständigen Frieden im Weg standen und immer noch noch stehen.

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© 2001 Rudolf Öller, Bregenz