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EIN FLÜCHTIGES LÄCHELN

"Für die Leute in den Städten hat der Advent kein großes Geheimnis mehr. Ihnen ist es nur unbequem und lästig, wenn die ersten Fröste kommen, wenn der Nebel in die Straßen fällt und das karge Licht des Tages noch mehr verkürzt". Dies schrieb der österreichische Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl, als er schon vor vielen Jahren anmerkte, dass der moderne Mensch keine Rast und Ruhe, keine Besinnung mehr kenne. Vielleicht helfen ein paar Zahlen, um die Größenordnung unseres überbordenden Wohlstands samt der damit verbundenen Unzufriedenheit aufzuzeigen.

Habe ich niemals eine militärische Schlacht erlebt oder die Tortur einer politischen Gefangenschaft? Wurde ich nie gefoltert und war ich niemals nahe dem Hungertod? Dann geht es mir besser als mindestens einer halben Milliarde Menschen. Habe ich Geld in meiner Geldbörse oder auf einem Bankkonto - auch wenn es nur wenig ist? Gratulation! Ich zähle zur reichen Minderheit von rund 8 Prozent der Weltbevölkerung. Habe ich etwas zu essen im Kühlschrank und habe ich gleichzeitig Kleidung, auch wenn diese anspruchslos ist? Habe ich zu all dem noch ein Dach über dem Kopf, ein Bett oder zumindest einen Schlafplatz aus ein paar Matratzen und Decken? Großartig! Ich bin deutlich besser dran als 75 Prozent der Weltbevölkerung.

Wenn ich diese Zeilen lesen kann, dann beherrsche ich die wichtigste Kulturtechnik überhaupt. Ich bin damit ein Privilegierter, der Zugang zum gespeicherten Wissen der Menschheit hat. Die UNESCO rechnet mit mindestens einer Milliarde Schriftunkundigen auf der Welt. Jede dritte Frau und jeder fünfte Mann über 15 Jahren kann weder lesen noch schreiben. In Südasien, Afrika und in den arabischen Ländern können mehr als die Hälfte aller Frauen weder lesen noch schreiben.

Jammervolle Leserbriefspalten zeigen es: Wir erregen uns über vermeintliche Katastrophen wie Auslandsreisen von Politikern, kleine Kurvenradien im Großen Walsertal und zu spät kommende Züge. Das sind Bagatellen im Vergleich zum äußeren Wohlstand und zur inneren Verarmung.

Waggerl hat in seinem Adventbüchlein "Das ist die stillste Zeit im Jahr" den Überdruss des Wohlstandsbürgers richtig erkannt, wenn er über seine Weihnachtseinkäufe schreibt: "... ich laufe wieder von einem Laden zum anderen, um etwas zu finden, womit ich dem Freund oder der Freundin das Herz erwärmen könnte. Nicht dass ich die Kosten scheute, viel mehr fürchte ich mich vor einem flüchtigen Lächeln des Dankes, einem betretenen Lächeln wahrscheinlich. Warum ist es nur so schwer geworden, Freude zu schenken und dabei selber froh zu sein?"

Der Stern von Bethlehem
Faradays Weihnachtsvolrlesung
Düfte des Advents
Das Fest der Geburt
Das Christkindl im Baum
Rudolph das Rentier
Der Befehl des Augustus
Weihnachtslegenden
Bild der Wissenschaft

© 2001 Rudolf Öller, Bregenz