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ALLES IST MÖGLICH

Die Freiheit der Kunst ist eine ebenso wichtige Angelegenheit wie die Freiheit der Wissenschaft; beiden liegt im Prinzip die Gedanken- und Redefreiheit zugrunde. Zum Leidwesen mancher Künstler zählt zur Freiheit der Kunst auch die Freiheit des Nicht-Gefallens, was sich auf den finanziellen Erfolg auswirken kann.

Die Freiheit der Wissenschaft ist die Freiheit des Denkens und der Methode, nicht aber die Freiheit des Ergebnisses. Naturgesetze wie Schwerkraft oder Elektrizität sind Autoritäten, die unseren Interpretationen Grenzen setzen. In der Kunst ist die Sache anders gelagert. Der berühmte "röhrende Hirsch im Abendrot" ist Kitsch, es sei denn, ein postmoderner Künstler erklärt das Motiv zur Kunst.

Um diese Vorgehensweise verstehen zu können, bedarf es eines Blicks in die Vergangenheit. Während der Sechzigerjahre entstand eine nicht genau definierbare Kunst- und Wissenschaftstheorie, die so genannte "Postmoderne", wobei sich erste Ansätze bereits in den Dreißigerjahren finden. Einer ihrer schillernden Vertreter ist der österreichisch-amerikanische Philosoph Paul Feyerabend, der in Büchern wie "Against Method" ("Wider den Methodenzwang") oder "Science and Free Society" ("Erkenntnis für freie Menschen") verkündete: "Anything goes!", das gerne mit "alles ist möglich" übersetzt wird. Dieses "Anything goes" wurde teils mit Begeisterung aufgenommen und mit dem Dauerschlagwort "Grenzen überschreiten" versehen. Was zur Kunst erklärt wird, ist Kunst. Josef Beuys hat einen Filzanzug zum Kunstwerk erklärt, er hängt heute im New Yorker Museum of Modern Arts.

In den Naturwissenschaften ist die Sache wegen des korrigierenden Elements der Überprüfbarkeit nicht so einfach. In den Kulturwissenschaften konnte sich die Postmoderne eine kleine Nische sichern, was aber immer öfter zu Ärgernissen führt. Die Astrologin Germaine Hanselmann, bekannt auch als Madame Teissier, hat an der Pariser Sorbonne eine Doktorarbeit über "Die epistemologische Lage der Astrologie im Spiegel des ambivalenten Verhältnisses von Faszination und Ablehnung in der postmodernen Gesellschaft" abgeliefert. Diese Arbeit wurde im April peinlicherweise approbiert. Eine unabhängige Kommission hat die (wörtlich) "Nicht-Doktorarbeit" nun nachträglich als "unwissenschaftlich" erkannt und mit Ausdrücken wie "Kauderwelsch", "Absurditäten" etc. zerpflückt. Dieser und andere aufgebrochene Konflikte innerhalb der Kulturwissenschaften haben ihren Ursprung in der postmodernen Beliebigkeit.

Die hier mehrmals zitierte Postmoderne bedarf noch eines Nachrufs, da sie der amerikanische Physiker Alan Sokal zum Trauerfall gemacht hat. Demnächst mehr.

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© 2001 Rudolf Öller, Bregenz