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BIEDERMANN UND BRANDSTIFTER

er Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) schrieb 1958 das Theaterstück "Biedermann und Brandstifter": Eines Tages kommt ein Unbekannter zum Biedermann, und dieser bewirtet ihn in gutem Glauben. Das Unrecht, das der Fremde - seinem Bericht nach - erfahren hat, ist schlimm, und Biedermann möchte nicht, dass es an ihm gerächt wird. Dass das vermeintliche Unrecht eines Tages heimgezahlt wird, daran besteht kein Zweifel. Biedermann getraut sich nicht, den Fremden wegzuschicken. Er gibt dem Brandstifter sogar Recht. Zuerst durch Schweigen, später mit Nicken, schließlich mit Worten.

Psychologen und Verhaltensforscher wissen schon lange, dass die Verdrängung eine gleichermaßen notwendige wie gefährliche Eigenschaft ist. Wir müssen regelmäßig verdrängen, um unsere seelische Innenwelt zu entlasten. Dies kann jedoch zur Bedrohung werden. Der Historiker Walter Laqueur hat diesen Verdrängungsmechanismus beschrieben. Hitlers Aufrüstung ist ein bekanntes Beispiel dafür.

Dem Leugnen der deutschen Aufrüstung folgte zunächst das Bagatellisieren ("Es ist alles nicht so schlimm"). Dann kam das Relativieren ("Man bedenke die gewaltige Rüstung der Großmächte"). Daraufhin folgte das Psychologisieren ("Die Hitler-Regierung hat berechtigte Angst"). Es ging weiter mit dem Beschwichtigen ("Lasst ihn doch Länder wie Österreich kassieren, dann ist ohnehin Ruhe"). Am Ende folgte die Lossagung von Verpflichtungen ("Das ist schließlich nicht unser Problem") und danach die Resignation der Maulhelden ("Was sollen wir denn jetzt machen?").

Dieses Muster der Kleinmütigkeit und Verdrängung findet man überall, auch in den Wissenschaften. Als vor 20 Jahren erstmals von der Krankheit Aids die Rede war, wurde zunächst geleugnet, dass eine Epidemie droht. Als die Epidemie offensichtlich war, wurde - stur und unbelehrbar - deren Dimension bestritten. Später folgte die Unterschätzung des Ausmaßes, von dem das jeweils eigene Land betroffen war. Am Ende kamen die tragikomischen Offenbarungen postmoderner Schwätzer. Eine Sippschaft von Schwadroneuren, von denen demnächst noch die Rede sein wird, schwafelte (wie heute) hemmungslos darauf los. "Politisch möglich", "betroffen", "diskriminierend", "traumatisierend", "normativ" und andere Wortwolken schwebten dröhnend aber erfolglos über der rollenden Katastrophe.

Was lernen wir daraus? Seit Jahren plagt uns der weltweite und blutige Terror politischer und religiöser Fanatiker. Die Lösung des Problems bringen weder postmoderne Friedensforscher noch gereizte Cowboys mit rauchenden Colts sondern nur nüchterne Analytiker. Man wird sehen, ob wenigstens diesmal ein Lerneffekt greift.

Die Gedanken Gottes
Tödliche Hirngespinste
Jüdische Nobelpreisträger
Gottes auserwählte Völker
Dresscode
Wissenschaft in die Schulen
Wissenschaft ist Macht

Miserere nobis!
Irrtümer mit Folgen
Islamismus
Freiheit und Folter
Das Wasser der Demokratie
nature

© 2001 Rudolf Öller, Bregenz