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MISERERE NOBIS!

Der Begriff der Freiheit zieht durch die gesamte Geschichte der Menschheit. Zunächst war die Freiheit ein einfacher Gedanke. Freiheit ist die Möglichkeit, so zu handeln, wie man will. Später versuchten einige Denker, aus dem Wesen der Freiheit auf die Pflicht des Menschen zu schließen, doch Pflicht lässt sich aus dem freien Willen allein nicht ableiten. Diesen Mangel beseitigte man mittels Ideologien und Theorien, durch die man Rechte und Pflichten definierte. Man versprach den Menschen Freiheit, um sie in Wahrheit zu schikanieren oder gar umzubringen.

Was hat man nicht alles versucht, um die Menschheit im Namen der Freiheit zurechtzubiegen! Man erfand kluge Begriffe wie etwa "homo novus". Während der Französischen Revolution wurde der Mensch zum "l'homme nouveau". Bei Friedrich Nietzsche hieß er "Übermensch", die Nationalsozialisten versuchten eine "völkische Lichtgestalt" zu formen, und bei den Sozialutopisten hieß der programmierte Mensch "New man" oder "ny människa" (in Skandinavien). Die Kommunisten versuchten zum Glück erfolglos, die ganze Welt in eine neue Gesellschaft zu verwandeln.

Bei den griechischen Philosophen Sokrates und Platon geht es um Freiheit und Schicksal, bei Epikur um Freiheit von Leiden und im Mittelalter hatte man frei von Schuld und Sünde zu sein. Künstler und Wissenschafter verstehen Freiheit als Möglichkeit, eigene Ideen in die Tat umsetzen zu können. Die Existenzphilosophen der Moderne haben Freiheit schließlich so umständlich definiert, dass kaum jemand versteht, worum es geht. Auch das ist Freiheit.

Vor 20 Jahren, am 19. März 1981, ging es um politische Freiheit. Mitglieder der polnischen Gewerkschaft "Solidárnosz" trafen sich in der Zentrale der Bauernpartei in Bydgoszcz. Während der Versammlung fielen 200 Milizsoldaten über die Gewerkschafter her und zwangen sie, einen Spießrutenlauf durch die Schlagstöcke zu machen. Dabei wurden zahlreiche Gewerkschafter schwer verletzt. Bilder von dieser sadistischen Aktion verbreiteten sich in ganz Polen und führten zu Ausschreitungen gegen das kommunistische Gewaltregime.

Der polnische Komponist Henryk Michael Górecki reagierte sofort. Mit dem schlichten Text "Domine deus noster, miserere nobis!" (Herr unser Gott, erbarme dich unser!) schrieb er als Protest ein Musikstück von unglaublicher Überzeugungskraft. Es überrascht angesichts der nach dem 15. Dezember 1981 von der kommunistischen Regierung erlassenen Restriktionen nicht, dass "Miserere" nicht gespielt werden durfte. Erst 1987 konnte das Werk in Wloclawek und Bydgoszcz aufgeführt werden. Dieser musikalische Verzweiflungsruf von Górecki, das bisher in Polen, in den USA und in Österreich (vom Bregenzer Männerchor unter der Leitung von Prof. Guntram Simma) aufgeführt wurde, ist eine zeitlose Mahnung, die flüchtige Gabe der Freiheit sorgsam zu bewahren.

Wissenschaft in die Schulen
Wissenschaft ist Macht
Irrtümer mit Folgen
Glauben, gehorchen, kämpfen

© 2001 Rudolf Öller, Bregenz