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ATOMARER SCHUTZSCHILD

Die Klagemauer des Wohlstandsbürgers - gemeint sind die täglichen Leserbriefspalten - sind voll an wirklichen und vermeintlichen Unzulänglichkeiten, wobei je nach Saison verschiedene Desaster Kultstatus genießen. Manchmal wird man den Eindruck nicht los, dass der Februar ein unbeliebter Monat ist, weil man hier zwei Tage weniger jammern kann.

Eine bestehende und existenzielle Bedrohung ist dagegen aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit entschwunden. In den letzten Wochen war von einem amerikanischen "Schutzschild" für Europa die Rede, dann von einem russischen, und neuerdings wird über einen gemeinsamen amerikanisch-russischen Raketenschutzschild für Europa laut nachgedacht. Im Grunde handelt es sich hier um eine mögliche atomare Massenvernichtung. Man spricht von einem "Schutzschild", dabei geht es um Raketen. Man spricht verharmlosend von "thermonuklearen Vorrichtungen", gemeint sind jedoch Atombomben.

Das Ende des kalten Krieges vor zehn Jahren hat die Illusion einer atombombenfreien Welt erzeugt. Tatsächlich wird die Zahl der atomaren Sprengköpfe weltweit immer noch auf etwa Vierzig- bis Fünfzigtausend Stück geschätzt. Wenn nun von irgendwelchen Schutzschilden die Rede ist, dann verbirgt sich dahinter die Sehnsucht mancher Supermacht-Generäle nach neuer atomarer Allmacht. Europa sollte daher aufwachen und wachsam bleiben.

In den Achtzigerjahren legte die US-Army eine lange Liste von Waffen mit einem statistisch ermittelten relativen "Tödlichkeits-Index" vor. Wurfspieß, Schwert und Armbrust haben Werte zwischen 18 und 32, das Hinterladergewehr wurde mit 230 taxiert, und ein Maschinengewehr des 1. Weltkriegs mit 13.000. Ab hier gehen die Zahlen steil nach oben. Ein Flugzeug des 1. Weltkriegs hat einen Tötungs-Index von 230.000, ein Panzer des 2. Weltkrieges hat über 2 Millionen und die Atombombe von Hiroschima liegt bei 50 Millionen. Die französische Mittelstreckenrakete M-20 bringt es auf 18 Milliarden und an oberster Stelle liegt die russische Interkontinentalrakete SS-18 mit Mehrfachsprengköpfen. Hier beläuft sich der Tötungs-Index auf 210 Milliarden. Was immer diese Zahlen besagen mögen, es handelt sich um ein Panoptikum der Abartigkeit.

Die Errichtung eines atomaren Schutzschildes verlangt nach mehr Raketen, nach neu entwickelten Nuklearsprengköpfen, nach komplexen Kommunikationseinrichtungen, nach großen Flotten taktischer Atom-U-Boote und Flugzeuge sowie einem dichten Netz teurer phasengesteuerter RADAR-Systeme. Kurzum, die Sache ist - sowohl finanziell als auch biologisch betrachtet - verheerend.

Für Menschen, die ansonsten keine Sorgen haben: Hier wäre also eine Sorge - eine echte sogar.

Die Mutter aller Bomben
Herbst 1942
1 Dollar-Patente
Der Tod aus dem Labor
Die atomare Lunte
Der nukleare Tod
Die Bombe Gottes
Los Alamos
Roter Oktober
Fackel in der Finsternis
Dr. Seltsam
Der Vater der H-Bombe
Die Bombe als Heil
nature

© 2001 Rudolf Öller, Bregenz