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THEORIEN UND DOGMEN (2)

Über Jahrhunderte hinweg wähnte sich die Kirche im alleinigen Besitz der Wahrheit. Nur die Inhalte der Bibel durften gelehrt werden. Nun findet man in der Bibel eine Menge Informationen über Länder, Tiere, Pflanzen, über menschliche Schwächen, ja sogar über einen menschlich-eifersüchtigen Gott (Deuteronomium 6,15). Im Hochmittelalter begannen die Menschen jedoch, sich ihres freien Geistes zu entsinnen. Dies führte zu Entdeckungen fremder Länder und neuer Tier- und Pflanzenarten, die nicht in der Bibel verzeichnet waren. Einer der ersten Naturforscher, der Mönch und „Doctor mirabilis“ Roger Bacon, wurde prompt von der Inquisition inhaftiert und gefoltert.

Das Wegsperren unbequemer Denker war erfolglos, also führte man den antiken Philosophen Aristoteles in die Kirche ein und stellte dessen Lehren als Sammlung weltlichen Wissens neben die Bibel. Das Problem, das man sich dabei aufhalste, wurde im Mittelalter nicht erkannt. Geschriebene Bücher können zwar eine Quelle der Bildung und der Weisheit sein, eine Erweiterung des Wissens ist aber nicht möglich, wenn man bestehendes Wissen für abgeschlossen hält. Genau in diese Falle tappten konservative Kreise in der Kirche. Im brillanten Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco prallen zwei Welten aufeinander: Die Scheinwelt des abgeschlossenen Wissens und die offene Welt der freien Wissenschaft. Erstere wird durch den Mystiker Jorge von Burgos, letztere durch den Mönch William von Baskerville verkörpert.

Im 17. Jahrhundert entwickelten sich die Wissenschaften rasant. Fernrohr und Mikroskop öffneten der Astronomie, der Biologie und der Medizin bisher unbekannte Welten. Im 19. Jahrhundert wurde die Lage für die Kirche so heikel, dass Papst Pius IX die Notbremse zog. Die Entwicklung der Wissenschaften und der in Preußen gegen die römische Kirche geführte „Kulturkampf“ führten zum „Syllabus“, eine Verdammung aktueller wissenschaftlicher und politischer Theorien. Auf dem 1. Vatikanischen Konzil wurde außerdem verkündet, dass der Papst bei Entscheidungen „ex cathedra” in Glaubens- und Moralangelegenheiten mit der Gnade der Unfehlbarkeit versehen sei.

Vertreter der Naturwissenschaften haben trotz aller Erfolge nie behauptet, unfehlbar zu sein, denn jede Forschung enthält auch die Möglichkeit des Irrtums. Religionsgemeinschaften, die nur auf Dogmen zählen und Dialoge nach außen verweigern, werden weiter an Bedeutung verlieren. Nur Einfaltspinsel können heute noch glauben, wissenschaftlich frei denkende Menschen auf eine befohlene Linie bringen zu können.

Göttlicher Kollateralschaden
Ein grausamer Gott?
Der gescheiterte Papst
Theorien und Dogmen
Die Gedanken Gottes
Tägliche Denkfehler
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Widerspruchsfreiheit
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© 2000 Rudolf Öller, Bregenz