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WELCH FEURIGES GEFÜHL

Physik und Mathe sind doch ziemlich unkreativ; wie irgendeine Kurve verläuft, das finde ich nicht spannend“ meinte eine Schülerin eines Stuttgarter Gymnasiums, als sie im Rahmen einer Untersuchung befragt wurde. Die kürzlich veröffentlichte Stuttgarter Studie zeigt deutlich, dass die heutigen Schüler und Studenten ihr Studium nach dem „Spaß-Faktor“ auswählen. Gefragt sind „kreative Fächer“ wie Sprachen oder Kunst. Fächer wie Physik, Chemie oder Maschinenbau gelten als langweilig oder altmodisch.

Man kann den Schülern keinen Vorwurf machen, wenn sie eine Meinung vertreten, die so verstaubt ist wie die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe sei. Einen Vorwurf, sofern er überhaupt berechtigt ist, verdienen eher diejenigen Lehrer, die verabsäumt haben, den Schülern zu erläutern, dass Naturwissenschaften ein geradezu erregendes Ausmaß an Kreativität erfordern.

Ein Schüler einer höheren Schule lernt heute in Mathematik vermeintlich fürchterliche Dinge wie den Satz von Pythagoras, die Trigonometrie, geometrische Reihen, sowie Differenzialgleichungen und Integralrechnungen. In Physik wimmelt es von Formeln, die da heißen „Ohmsches Gesetz“, „Gravitationsgesetz“ oder „Wellengleichung“. Zu schlechter Letzt erfährt der Schüler, dass chemische Verbindungen mit der Formel C6H12O6 nicht identisch sein müssen. Dreht der Zucker die Polarisationsebene des Lichtes nach rechts, nennt man es „Dextrose“, ein andermal „Fructose“. All diese Dinge soll ein Schüler lernen, und manche leiden darunter.

Die Problemlösung könnte in einem Umdenken bei gewissen Unterrichtsinhalten liegen. Naturwissenschaften sind nämlich alles andere als unkreativ – ganz im Gegenteil. Liest man Biografien oder Autobiografien von Wissenschaftern, so fehlen in keinem der Werke Hinweise, welche Kreativität zur Lösung eines Problems nötig ist, und welch feuriges Gefühl von einer neuen - auch scheinbar wenig bedeutenden - Erkenntnis ausgehen kann.

Auch der Schreiber dieser Zeilen war in der Wissenschaft tätig. Man entdeckt nicht jeden Monat eine Sensation, aber es gibt Momente, in denen man ahnt, dass man einer interessanten Sache auf der Spur ist. Erweist sich diese Spur als zweckdienlich, am Ende sogar als richtig, und findet man schließlich etwas Überraschendes, und sei es nur ein neues Gen, das sich als lang gesuchter Störfaktor einer Versuchsreihe entpuppt, so stellt sich eine Erregung ein, die nur derjenige kennt, der dies je erlebt hat.

Naturwissenschaften sind unkreativ oder wenig spannend? Nichts ist unsinniger als diese Vermutung.

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© 2000 Rudolf Öller, Bregenz