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ALLES IST CHEMIE

Ein bei Studenten beliebter Aprilscherz ist das Sammeln von Unterschriften gegen angeblich schlimme Absichten der Stadtverwaltung oder der Regierung: „Wir protestieren gegen das Ausbringen von Dihydrogenoxid in öffentlichen Parkanlagen.“ Der Passant ist über diese angebliche Umweltverschmutzung empört und unterschreibt sogleich eine Petition. Übersehen wurde dabei, dass „Dihydrogenoxid“ nichts anderes als H2O, (Wasser) ist.

Vor einer Woche (am 1. April) wurde an dieser Stelle ebenfalls über bedenkliche Vergiftungserscheinungen von Umwelt und Nahrung berichtet: Hausfrauen, so hieß es, würden beim Backen von Kuchen und Brötchen unwissentlich die Substanz „Natrium(hydrogen)karbonat“ verwenden. In konservierten Lebensmitteln hat man angeblich „Ethansäure“ in hoher Konzentration gefunden. Hautcremes enthalten „Propantriol“ und im Meeresplankton sei die Chemikalie „Nicotinamid-Dinukleotid-Phosphat“ (NADP) nachgewiesen worden.

Je „chemischer“ etwas klingt, desto gefährlicher erscheint es. In Wahrheit ist alles um uns herum chemisch. Natriumhydrogenkarbonat ist nichts anderes als Speisesoda und wird als Treibmittel für Teig verwendet. Ethansäure ist ein anderer Begriff für Essigsäure, und diese ist wiederum ein Naturprodukt. Propantriol ist die offizielle chemische Bezeichnung für Glycerin. Dies ist ebenso ein natürliches Stoffwechselprodukt, und Verbindungen, die mit „Nicotinamid“ beginnen (-mononukleotid, dinukleotid usw.), sind wesentliche Bestandteile unseres biologischen Stoffwechsels. Es handelt sich um Co-Enzyme, die man in den Zellen aller Lebewesen findet.

„Kosmetika ohne Chemie“ liest man manchmal in der Werbung. Das ist albern. Alle Dinge, die uns umgeben, bestehen aus Chemikalien. Luft besteht aus Sauerstoff, Stickstoff, Kohlendioxid und Edelgasen und ist genauso „chemisch“ wie Steine, Mineralien, Proteine, Fette, Kohlenhydrate oder nur Wasser. Asparaginsäure, Fumarase, Adenosintriphosphat – jede dieser Substanzen klingt irgendwie ungesund, und doch handelt es sich um ganz natürliche Produkte: Man findet sie in allen Lebewesen und Lebensmitteln.

Die Chemie an sich ist weder gefährlich noch giftig. Die Chemie ist die Wissenschaft, die sich u. a. mit der Zusammensetzung, den Eigenschaften und der Herstellung von Stoffen beschäftigt. Offizielle chemische Benennungen klingen meist unbekömmlicher als die älteren und gewohnten Ausdrücke. „Propantriol“ klingt unangenehmer als „Glycerin“, und „Hydroniumionen“ im Wasser erwecken einen geradezu bedrohlichen Eindruck, obwohl diese Ionen immer im Wasser enthalten sind.

Anmerkung: Im Rahmen der diesjährigen Scheinwerfer-Sommerserie über Ökologie wird das Thema Umweltchemie zur Sprache kommen.

Gespaltene Atome
Zwiespältige Chemie
Antoine Lavoisier
Dioxin
Fortschritt
Otto Hahn
Hämoglobin
Spektrum der Wissenschaft

© 2000 Rudolf Öller, Bregenz