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ZWIESPÄLTIGE CHEMIE

„Chemiefrei“ ist das Motto der umwelt- und gesundheitsbewussten Menschen. In Wahrheit hat uns die Chemie längst eingeholt, ja sogar überholt. Wir können nichts essen oder trinken, ohne dass wir nicht Unmengen an Chemie zu uns nehmen. Viele der täglich geschluckten Chemikalien sind zwar erlaubt, manche werden aber weder in einem Gesetz noch in einer Verordnung erwähnt. Man findet ihre Bezeichnungen allenfalls in Fachbüchern, trotzdem gehören sie zu unserem Alltag.

Es beginnt in der Küche. Kaum eine Hausfrau ist sich darüber im klaren, dass sie beim Backen von Kuchen und Brötchen unfreiwillig die chemische Substanz „Natrium(hydrogen)karbonat“ verwendet. Dieser in Form von weißen Kristallen erzeugte Stoff ist sowohl im Fertigteig als auch in Trockenfeuerlöschern enthalten.

Damit nicht genug. Vor wenigen Wochen fanden belgische Lebensmittelbehörden, die mit ihrem Dioxin-Skandal schon Arbeit und Ärger genug gehabt hatten, in konservierten Lebensmitteln „Ethansäure“ in ungeahnt hoher Konzentration. Ethansäure ist alles andere als harmlos. Es handelt sich um eine ziemlich starke, stechend riechende organische Säure, die bei einer Temperatur von ca. 16 Grad zu eisartigen Kristallen erstarrt.

Tagtäglich werden in der Werbung Hautcremes und ihre phantastischen Wirkungen angepriesen. Wenig bekannt dürfte sein, dass so gut wie alle dieser Cremes als Bestandteil „Propantriol“ enthalten, eine organische Verbindung, wie man sie auch in Bremsflüssigkeiten und Frostschutzmitteln findet. Propantriol ist übrigens auch das Ausgangsmaterial zur Produktion des Sprengstoffes Nitroglycerin und von Kunstharzen für die Kunststoffindustrie.

Vor etwa einem Jahr ließ eine Meldung aus den USA aufhorchen. Im Rahmen einer Massenuntersuchung waren bemerkenswerte Details zutage gefördert worden. An der Yale-University hatte man Bakterien, Korallen, Algen und einige Fischarten aus dem Persischen Golf auf Spuren von Umweltgiften nach dem Golfkrieg untersucht und dabei ausnahmslos in allen Lebewesen „Nicotinamid-Mononukleotid“ gefunden. Eine verfeinerte Untersuchung wies schließlich das größere Molekül „Nicotinamid-Dinukleotid“ und die phosphorisierte Version „Nicotinamid-Dinukleotid-Phosphat“ nach. Nachdem sich der Befund herumgesprochen hatte, untersuchte man 1999 auch das Plankton und einige Fischarten in denjenigen Regionen, die bereits vor Jahren von einer Ölpest heimgesucht worden waren. Das Ergebnis war das Gleiche. Nicht nur das: Die genannten chemischen Verbindungen haben sich inzwischen über die Nahrungskette ausgebreitet und sind in den Nerven- und Muskelzellen von Haustieren und Menschen nachweisbar.

Obiger Artikel erschien an einem 1. April. Bitte daher auch den Folgeartikel lesen. Alles ist Chemie

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© 2000 Rudolf Öller, Bregenz