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100 JAHRE VERERBUNGSLEHRE

Johann Mendel (1822-1884) trat 1843 als mathematisch begabter und scharfsinniger junger Mann ins Königinkloster in Brünn ein, welches damals noch zu Österreich gehörte. Dort nahm er den Klosternamen Gregor an. Mendel begann 1850 an der Universität Wien ein Zoologie-, Botanik- und Physikstudium, schaffte aber keine Abschlussprüfung. 1854 ging er nach Brünn zurück und unterrichtete an der Oberrealschule Naturgeschichte und Physik.

Damals führte Mendel seine berühmt gewordenen Kreuzungsexperimente durch, die er sorgfältig vorbereitete. Zunächst sortierte er Erbsenpflanzen nach reinen Rassen aus. Unter einer reinen Rasse versteht man in der Genetik eine Tier- oder Pflanzensorte, die bei einem oder mehreren bestimmten Merkmalen nur eine einzige Ausprägung kennt, wie etwa eine weiße Blütenfarbe. Mendel kreuzte reine niedrige mit reinen hohen Erbsenpflanzen und fand dabei, dass der Samen jedes entstandenen Mischlings wieder hohe Pflanzen erzeugte. Die Eigenschaft des Niedrigwuchses schien sich in der Folgegeneration verloren zu haben. Als nächstes nahm Mendel eine Selbstbestäubung dieser Mischlingspflanzen vor. Ihre Samen ergaben später reine niedrigwüchsige, reine hochwüchsige und nicht reinstämmige hochwüchsige Pflanzen. Die verloren geglaubte niedrigwüchsige Eigenschaft war wieder aufgetaucht.

Mendels einfache aber geniale Erklärung ging von der Vermutung aus, dass jede Pflanze zwei Erbfaktoren für ein Merkmal, z. B. für die Wuchshöhe, enthalte. Bei der Fortpflanzung trennten sich die Erbanlagen und würden in der nächsten Generation neu kombiniert. Mendel zeigte in den folgenden Jahren, dass die Vererbung auch anderer Eigenschaften in gleicher Weise erklärt werden könne.

Mendel publizierte 1866 seine Arbeiten, führte aber seine Versuche nicht weiter fort, nachdem niemand von seinen Arbeiten Notiz genommen hatte. Ohne Unterstützung der Wissenschaft blieb seine Untersuchung unbeachtet, obwohl Mendel begründet hatte, was heute die Welt revolutioniert. Damals wusste dies weder Mendel noch sonst irgend jemand.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts führten drei Biologen, der Holländer Hugo de Vries (1848 - 1925), der deutsche Karl Erich Correns (1864 - 1933) und der Österreicher Erich Tschermak von Seysenegg (1872 - 1962) Versuche mit Pflanzen durch, wie sie bereits Mendel gemacht hatte. 1900 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse, erkannten aber, dass Mendel schon zuvor zu ähnlichen Ergebnissen gekommen war. Sie waren anständige Männer und nannten ihre (neu) entdeckten Regeln „Mendelsche Erbgesetze“. Der Siegeszug der modernen Genetik begann somit vor 100 Jahren.

Der Durchbruch des Jahres
Genetik und Gentechnik
Zufall und Notwendigkeit
Mikrobiologie
Die DNA des Oswald Avery
Die verwundbare Stelle
Lebensunwertes Leben
Die Macht der Gene
Embryonenselektion
Bild der Wissenschaft

© 2000 Rudolf Öller, Bregenz