zurück 1999 vorwärts

ARMSELIGE WESEN

Gescheite Menschen – oder solche, die sich dafür halten – belehren uns seit Urzeiten, wie wir sind oder wie wir zu sein hätten. Die einen erzählen uns, dass Erdenbürger, die zu gleichen Jahreszeiten zur Welt gekommen sind, ähnliche Charaktereigenschaften hätten. Andere glauben zu wissen, dass Männer (oder auch Frauen) die besseren Geschöpfe sind, dass alle Menschen von Geburt an biologisch gleich seien, dass alle beobachtbaren Unterschiede nur durch Erziehung entstünden oder dass Menschen verschiedener Rassenzugehörigkeit besser oder schlechter konstituiert, kurzum: minder- oder hochwertig seien. Der Supermarkt der Ideologien ist prallvoll.

Die amerikanische Feministin Susan Faludi hat ein provozierendes Buch über den Geschlechterkampf in den USA geschrieben. Der Mann, so schreibt sie, sei ein „armseliges Wesen“, dem „Vorbilder fehlten“ und der „unfähig sei, sich zu emanzipieren“. Den Männern fehle auch, so liest man, eine „alternative Vision der Männlichkeit“. Diese Sprüche erinnern an das Buch „Mann bist du gut!“ aus dem Jahr 1990. In diesem Werk werden alle Frauen als kümmerliche Wesen beschrieben, welche die wahre Größe der Männer nie verstünden. Derlei Phrasen werden bisweilen auch mit dem Aushängeschild der Psychologie verkündet, die im Zeitalter der Naturwissenschaften ohnehin eine Identitätskrise erleidet.

Wissenschaftlich betrachtet ist nichts dergleichen von Wert. Der US-Biologe Richard Lewontin, hat sich in den Sechzigerjahren mit der Frage beschäftigt, wie groß der genetische Unterschied zwischen Individuen innerhalb einer Tierart sei. Mittels raffinierter Methoden – er isolierte unterschiedliche Enzyme – entdeckte er einen unerwartet hohen genetischen Verschiedenheitsgrad. Als er die Methode auch bei Menschen anwandte, war das Ergebnis das gleiche. Seine 1967 veröffentlichte Arbeit „An Estimate of average Heterozygosity in Man“ („Eine Einschätzung durchschnittlicher genetischer Verschiedenheit bei Menschen“) und nachfolgende Publikationen gelten als Standardwerke.

Lewontin hatte interessante Details entdeckt: Die genetische Verschiedenheit innerhalb einer bestimmten Menschengruppe (Männer, Frauen, Franzosen, Tibetaner, Insulaner usw.) ist wesentlich größer als die durchschnittliche Verschiedenheit zwischen den einzelnen Gruppen. Diese messbare Verschiedenheit zieht sich gleichmäßig durch alle Geschlechter, Rassen und Klassen hindurch und ist größer als uns der bloße Augenschein durch unterschiedliche Augenfarben oder Blutgruppen zeigt.

Allgemeine Zuordnungen wie etwa „Frauen sind mental stark, Männer sind schwach“ (oder umgekehrt) sind schlichte Vereinfachungen. Die (genetischen) Unterschiede sind individuell nachweisbar, aber weniger zwischen den Gruppen zu finden.

Irrlehren und Theorien
Der neue Mensch
Missbrauch der Wissenschaft
Black Box
Bild der Wissenschaft

© 1999 Rudolf Öller, Bregenz