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Das 20. Jahrhundert: GENETIK und GENTECHNIK

Der lateinische Dichter Titus Lucretius Carus lebte im 1. Jahrhundert vor Christus. In seinem Lehrgedicht „De rerum natura“ (über die Natur der Dinge) vermittelt er die Theorien der griechischen Philosophen Demokrit und Epikur: „Auch kommt es häufiger vor, dass die Kinder den Eltern der Eltern gleichen und oft an die Ahnen in ihrer Gestaltung erinnern. Dies kommt daher, dass häufig die Eltern im Körper verborgen mit sich führen so viele und vielfach gemischte Teilchen, welche vom Urstamm her die Väter den Kindern vererben. Daraus bringt Venus hervor gar mannigfach wechselnde Formen, und bildet sie neu Haar, Stimme und Züge der Ahnen.“

Lukrez und andere Philosophen und Schriftsteller hatten die Macht der Vererbung schon vor Jahrhunderten erkannt. Erst im 19. Jahrhundert kam aber wissenschaftliches Licht ins Dunkel. Der Benediktinermönch Gregor Johann Mendel hatte durch Experimente in seinem Klostergarten nachgewiesen, dass Erbmerkmale wie Blütenfarben, Fruchtformen usw. nach bestimmten Gesetzen vererbt werden.

Es sollte noch ein halbes Jahrhundert vergehen, bis der Amerikaner Thomas Hunt Morgan aus Lexington in Kentucky ein wesentliches Geheimnis der Vererbungsgesetze lüftete. In genetischen Experimenten mit der Fliegenart Drosophila konnten Morgan und seine Schüler Alfred Sturtevant, Calvin Bridges und Hermann Muller zeigen, dass Chromosomen im Zellkern sich weitgehend so verhalten, wie Gregor Mendel es für die Neuzusammensetzung von Genen angenommen hatte. Damit war die Lage der Gene auf den Chromosomen nachgewiesen.

Während des 2. Weltkrieges gelang dem Canadier Oswald Avery mit Hilfe geschickter Experimente der Nachweis, dass die bereits bekannte „Desoxyribonukleinsäure“ (abgekürzt DNS oder DNA) der Träger der Gene ist. 1953 glückte dem amerikanisch-britischen Forscherteam James Watson und Francis Crick schließlich die Entschlüsselung des DNA-Moleküls.

Zu Beginn der Siebzigerjahre entdeckte der Schweizer Molekularbiologe Werner Arber Enzyme, welche in der Lage sind, die DNA an bestimmten Stellen zu zerschneiden. Diese Entdeckung war die Geburt der Gentechnik. Der klassische Genetiker arbeitet mit Pflanzen und Tieren einer biologischen Art. Einfach ausgedrückt: Man kann nur Hunde mit Hunden und Sonnenblumen mit Sonnenblumen kreuzen. Der Gentechniker braucht sich um dergleichen Art-Barrieren nicht mehr zu kümmern, er greift mit Hilfe der „Restriktionsenzyme“ direkt auf die Gene zu.

Die Gentechnik wird die Gesellschaft noch mehr verändern als es die klassische Genetik bereits getan hat. Wohin die Reise geht, ist zur Zeit noch unbekannt.

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© 1999 Rudolf Öller, Bregenz