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TÄGLICHE DENKFEHLER [2]

Denkfehler werden im Alltag und in der Wissenschaft nicht nur unabsichtlich produziert. Manchmal sind sie unabdingbar, um eine Ideologie zu rechtfertigen oder einfach einen Plan voranzutreiben. Mehr oder weniger absichtlich produzierte (sophistische) Denkfehler sind nicht nur in der Tagespolitik üblich.

Eine nur beinahe harmlose Form des Betrugs bilden die Beschönigungen (Euphemismen). Mit ihrer Hilfe verschleiert man Gefahren, politische Absichten oder wahre Hintergründe. Der Krieg wird nicht mehr beim Namen genannt, er heißt dann Polizeiaktion oder schützender Gegenschlag. Brutale Massenmorde nennt man ethnische Säuberungen, und Atombomben sind nur noch thermonukleare Vorrichtungen. Man sagt Freisetzung statt Entlassung, Minuswachstum statt Rezession, Terrorist statt Meuchelmörder. Ein großer Staatsmann erkannte einmal ganz richtig, daß es zur großen Kunst der Politik zählt, neue Namen für Institutionen oder Maßnahmen zu finden, die unter alten Namen in der Öffentlichkeit verhaßt geworden sind.

Ein besonders häufig produzierter fehlerhafter Denkansatz ist die ausgeschlossene Mitte oder falsche Dichotomie. Man kann dergleichen tagtäglich in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen verfolgen. In einem breiten Spektrum von Möglichkeiten werden dabei meist Extreme berücksichtigt: "Entweder liebst Du Dein Land oder Du haßt es". Eine Zwischenstufe wird nicht zugelassen. "Es gibt nur Katzenliebhaber und Katzenhasser". Es wird hier übersehen, daß vielen Leuten Katzen egal sind. "Wenn Du nicht ein Teil der Lösung bist, dann kannst Du nur Teil des Problems sein". Die Reihe der Beispiele kann man endlos fortsetzen. Auch die widersinnigen Vergleiche von kurzfristigen und langfristigen Maßnahmen oder von Planungen, die miteinander nichts zu tun haben, fällt unter diese Fehlerkategorie: "Warum kümmern wir uns um die Erforschung des Weltalls, wo es doch so viele Flüchtlinge gibt ?" Oder: "Wieso kümmert sich die Stadtverwaltung um die Stadtbibliothek? Sollen die doch zuerst mehr Parkplätze bauen!"

Ein beliebter Schwindel liegt in der Beschränkung auf günstige Umstände oder unterdrückte Beweise. Die erfolgreichen Treffer werden präzise festgehalten, die Fehlschüsse werden verschwiegen oder verdrängt. Ein Staat zählt beispielsweise gerne seine großen Herrscher, die Halunken und Serienmörder vergißt man lieber. Ein Wünschelrutengänger erwähnt gerne seine gefundenen Wasseradern, die Nieten verdrängt er. Zum täglichen Brot der Regenbogenpresse gehört die Wahrsagerei: "Die weltberühmte Hellseherein Frau Luna Somnambula hat den Bombenkrieg gegen Jugoslawien vorausgesagt". Purer Zufall, denn wie oft sich Frau Luna zuvor geirrt hat, wird stillschweigend übergangen.

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© 1999 Rudolf Öller, Bregenz