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THEORIE UND WAHRHEIT

Die folgenden Texte sind Auszüge aus wissenschaftlichen Arbeiten der Jahre 1629, 1917 und 1953. Sie zählen zu den grandiosesten der Geschichte:

(1) "Zuerst werde ich zu beweisen versuchen, daß alle auf Erden anstellbaren Versuche ungenügende Mittel sind, um deren Bewegung darzutun, daß solche vielmehr unterschiedlos ebensowohl mit der Bewegung der Erde wie mit der Ruhe der Erde vereinbar sind. ... Dabei werden neue Forschungen vorgeführt werden, die als astronomische Hilfsmittel zu betrachten sind, nicht aber als tatsächlich gültige Naturgesetze.

(2) "Die Überzeugung von der ‚Wahrheit‘ der geometrischen Sätze in diesem Sinne beruht natürlich ausschließlich auf ziemlich unvollkommenen Erfahrungen. Wir werden jene Wahrheit der geometrischen Sätze zunächst voraussetzen, um dann im letzten Teil unserer Betrachtungen ... zu sehen, daß und inwiefern jene Wahrheit ihre Grenzen hat.

(3) "Wir möchten eine Struktur für ein Salz der Desoxyribonukleinsäure (DNA) vorschlagen. Diese Struktur hat ungewöhnliche Erscheinungsformen, welche von erheblichem biologischen Interesse sind. ... Genauere Details der Form, einschließlich der Gegebenheiten, die wir entsprechend der nebenstehender Abbildung vermuten, ... werden später veröffentlicht.

Der erste Text stammt von Galileo Galilei, der im 17. Jahrhundert die Wissenschaft revolutionierte. Der zweite Textabschnitt kommt von Albert Einstein, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie entwickelte. Das dritte Teilstück formulierten die beiden Biologen James Watson und Francis Crick. Sie entschlüsselten die Erbmasse aller Lebewesen.

Diese und vergleichbare Arbeiten zeichnet eine bescheidene Sprache aus. Keiner dieser großen Männer reklamiert eine "Wahrheit" für seine Theorien. Die Wissenschaft kennt nur Theorien. Galileo und Co "versuchen" zu beweisen, sie verweisen darauf, daß "Wahrheiten Grenzen haben", sie "schlagen vor" und "vermuten". Wissenschaftliche Theorien sind niemals wahr sondern nur richtig oder falsch. Dies ist kein Widerspruch. Eine Theorie ist richtig, wenn sie mit experimentellen Befunden übereinstimmt. Falsch ist sie, wenn sie diesen widerspricht. Mit Wahrheit hat dies wenig zu tun.

Die Naturwissenschaften besitzen Macht. In manchen Bereichen, wie etwa der Kernphysik, sind sie sogar bedrohlich geworden. Diese Autorität kommt aus der Methode, vermeintliche Wahrheiten niemals als solche anzuerkennen sondern jede Theorie zu hinterfragen. Die Geschichte der Wissenschaften ist daher sowohl eine Geschichte der Irrtümer als auch eine Chronik der Korrektur falscher Theorien. Wer sein Wissen für die reine Wahrheit hält, läuft Gefahr, von der Realität zurechtgewiesen zu werden.

Falsche Prognosen
Widerspruchsfreiheit
Denkfehler (2)
Alles ist möglich
Nur eine Theorie
Raum und Zeit
Spektrum der Wissenschaft

Der Spiegel

© 1999 Rudolf Öller, Bregenz