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ABTREIBUNGSPILLE RU 486

Die Chemiker der Pharmafirma Roussel-Uclaf in Romainville (Frankreich) fanden Ende der Siebzigerjahre in einer Reihe von synthetisch erzeugten organischen Verbindungen drei Substanzen mit interessanten Eigenschaften. Die hormonähnlichen Präparate hatten die Serienbezeichnungen RU 38149, RU 38473 und RU 38486 ."RU" steht für Roussel-Uclaf. Die Moleküle zeigten eine enge Bindung an die Progesteron-Rezeptoren in den Zellen, wobei sie Progesteron blockierten. Hinter diesem Fach-Chinesisch verbirgt sich eine Entdeckung, deren Tragweite noch nicht zur Gänze absehbar ist.

Den Chemikern und Biologen war sofort klar, daß sie etwas Besonderes entdeckt hatten. In Tierversuchen stellte sich heraus, daß das Präparat RU 38486 das mit Abstand wirksamste war, es wurde in der Folge genauer getestet und vereinfachend in RU 486 umbenannt.

Progesteron zählt zu den wichtigsten Schwangerschafts-Hormonen. Es wird in der Anfangsphase einer Schwangerschaft vom sogenannten Gelbkörper gebildet, einem Gewebe im Eierstock, das jeweils unmittelbar nach einem Eisprung entsteht. Progesteron wirkt auf mehrfache Weise: Es festigt den Gebärmutterhals und hemmt seine Erweiterung, es verhindert Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur und es unterstützt die Schleimhaut der Gebärmutter. Alle diese Eigenschaften sind für den ungestörten Verlauf einer Schwangerschaft wichtig. RU 486 blockiert nun die Progesteron-Rezeptoren - das sind chemische Andockstellen - und hindert das Hormon daran, wirksam zu werden.

In klinischen Tests wurde das Präparat zur Abtreibung in mehreren Ländern erprobt. Zunächst wurde eine medizinische Erfolgsquote von 80 Prozent erzielt, die später in Kombination mit einem anderen Hormonpräparat auf beinahe 100 Prozent gesteigert werden konnte. Roussel-Uclaf beantragte daraufhin die Zulassung für RU 486 als Medikament. Vor genau 10 Jahren, im September 1988, wurde schließlich die Lizenz für Frankreich erteilt.

Die Abtreibungspille RU 486 hat, wie nicht anders zu erwarten war, heftige Emotionen ausgelöst. Der am häufigsten vorgebrachte Protest lautet, daß Abtreibungen nun noch leichter zu bewerkstelligen wären. Jedes Ding hat aber zwei Seiten, dies gilt auch für die Abtreibungspille. Es existieren nämlich verschiedene Krebsarten mit Progesteron-Rezeptoren, dazu zählen unter anderem auch Formen von Brustkrebs. RU 486 verzögert das Wachstum dieser Tumore, daher ist es ein Hoffnungsmittel in der Krebstherapie.

Eine Abtreibung ist und bleibt eine Gewaltmaßnahme, darüber herrscht bei Gegnern und Befürwortern Übereinstimmung. Die Diskussion sollte aber grundsätzlich geführt werden, denn das Präparat RU 486 hat sich als zu vielseitig herausgestellt, als daß es vom Markt verschwinden könnte.

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© 1998 Rudolf Öller, Bregenz