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BLENDWERK UND BLAMAGE

Biologen, Physiker, Chemiker und andere Vertreter der Naturwissenschaften kommen in allen Kulturen im wesentlichen zu den gleichen Ergebnissen. Trotzdem behaupten gewisse Geisteskrieger, alles Wissen sei relativ zur jeweiligen Kultur, und die Erkenntnisse der Naturwissenschaften seien eine vergleichsweise belanglose Kategorie.

Alan Sokal ist Physiker an der Universtität New York. Seit Jahren beobachtete er die intellektuellen Standards in bestimmten Kreisen der amerikanischen Geisteswissenschaften. Diese Standards lassen sich auf Theorien mit den geschwollen klingenden Bezeichnungen "Antirealismus", "Relativismus" und "Widerlegung des Objektivismus" zusammenfassen.

Im Jahre 1996 verfaßte Alan Sokal den Artikel "Grenzüberschreitung: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation" und schickte seine Arbeit an die bekannte und renommierte Zeitschrift "Social Text". Diese Zeitschrift behandelt vorwiegend Themenbereiche wie Human-, und Sozialwissenschaften. Im ersten Teil des Artikels verhöhnte Sokal die Naturwissenschaften. Dabei bekämpfte er die Theorie, daß eine reale Welt außerhalb der menschlichen Wahrnehmung existiere und daß einzelne Eigenschaften der Welt die Form von Naturgesetzen annehmen könnten. Kurzum: Alan Sokal behauptete, daß die fundamentalen naturwissenschaftlichen Theorien falsch seien, daß dies längst bekannt sei, daß man sich dies nicht zuzugeben traue, und daß man die Thesen der modernen Geisteswissenschaften mit Hilfe der Quantenphysik beweisen könne.

Im zweiten Teil seines Artikels erklärte Sokal unter Berufung auf einschlägige "Erkenntnisse", daß die Naturgesetze allesamt Hirngespinste wären. Nicht unsere Theorien über die Naturgesetze seien ein bloße Fiktion, sondern die Naturgesetze selbst (!). Spätestens hier hätte kritischen Geistern ein Licht aufgehen müssen, denn wer z.B. glaubt, die Gesetze der Schwerkraft seien bloße soziale Konstrukte, der erlebte eine böse Überraschung, wenn er versuchte, aus dem Fenster zu springen.

Die geisteswissenschaftliche Elite Amerikas war restlos begeistert. Die Diskussionen über Sokals Aufsatz, die an Universitäten und in Zeitschriften wie Nature, New York Times Literary Supplement, Le Monde usw., geführt wurden, nahmen erstaunliche Dimensionen an.

Die eiskalte Dusche kam, als Sokal bekanntgab, daß sein Aufsatz als Parodie konzipiert war und nichts als schrecklichen Unsinn enthielt. Niemand hatte gewagt, Sokals geistreich klingende aber schwachsinnige Thesen zu überprüfen. Das geistige Blendwerk war immerhin so mit Händen zu greifen, daß auch Nichtwissenschaftler sich hätten wundern müssen.

Nicht nur renommierte Zeitschriften hatten sich zum Gespött gemacht. Auch eine intellektuell marode Schicht, die man mit banalen aber klangvollen Worthülsen beeindrucken kann, wurde kaltschnäuzig vorgeführt.

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© 1998 Rudolf Öller, Bregenz