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RETORTENTECHNIK

Louise Brown kam auf die Welt, wie es sich Mütter nur erträumen können: gesund, millionenschwer und weltberühmt. Louise, die am 25. Juli 1978, also vor genau 19 Jahren in Oldham (England) durch Kaiserschnitt zur Welt kam, war kein gewöhnliches Baby. Louise war das erste Retortenbaby der Geschichte. Boulevardblätter verkündeten in riesigen Buchstaben, daß es sich um das "Baby des Jahrhunderts" handle. Die Londoner Zeitung "Daily Mail" berichtete exklusiv über "Lovely Louise", denn Mutter Lesley Brown hatte die Geschichte des ersten Retortenkindes um knapp 10 Millionen Schilling an das Blatt verkauft.

Der Medienrummel um das erste Kind aus einem Glasgefäß (nichts anderes bedeutet der Ausdruck "Retorte") beendete den zehnjährigen Kampf der Lesley Brown um ein eigenes Kind. Gleichzeitig entstand eine Hoffnung für viele ungewollt kinderlose Frauen in aller Welt. Die beiden Männer, denen Louise Brown die irdische Existenz zu verdanken hat, waren der Biologe Robert Edwards und der Gynäkologe Patrick Steptoe. Sie hatten eine neue Ära der Medizin eingeleitet.

In der Folge diskutierten Ärzte, Journalisten, Theologen und Philosophen monatelang mehr oder weniger erregt über die schlichte Tatsache, daß neues menschliches Leben nicht mehr im weiblichen Körper sondern im Labor entstanden war. Heute leben weltweit tausende Menschen, deren Leben in einem Reagenzglas begann. Eine genaue Zahl ist unbekannt.

Die andere Seite der Medaille wurde seinerzeit nur von wenigen aufmerksamen Ärzten und Biologen beachtet. Die Retortentechnik ermöglicht nicht nur die Erfüllung eines Kinderwunsches. Es öffnet sich auch die Möglichkeit, an einem ganz großen Rad zu drehen: das große Spiel mit dem menschlichen Erbgut, der Griff nach den Genen. Die Zygote - so nennen Genetiker die befruchtete Eizelle - kann beliebig bearbeitet und manipuliert werden, und was Wissenschaftler können, tun sie irgendwann auf jeden Fall.

In der Zwischenzeit verging kein Jahr ohne Meldungen über seltsame Verwandtschaften. Großmütter trugen mit Hilfe der Retortentechnik ihre eigenen Enkelkinder, Tanten ihre eigenen Neffen und Nichten aus. Sogar schlappen Samenzellen kann geholfen werden. Mit Hilfe der "Mikromanipulation" drücken Biologen schwächliche Spermien direkt durch die Eihülle oder öffnen ihnen mit Hilfe von dünnen Glasnadeln oder Laserstrahlen den Weg.

In den Industrienationen ist die Unfruchtbarkeit bei Männern und Frauen im Steigen begriffen. Solange dieser vermutlich durch Umweltvergiftung, Alkohol und Drogen hervorgerufene Trend anhält, werden Retortenärzte nie arbeitslos sein.

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© 1997 Rudolf Öller, Bregenz