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SEELENNOT

"Hat die Schule versagt?" Diese an unerträglicher Dummheit kaum mehr zu unterbietende Frage mußte sich die österreichische Unterrichtsministerin bereits wenige Stunden nach dem gewaltsamen und erschreckenden Tod einer Lehrerin gefallen lassen. Die Frage ist unbeantwortbar. Drei erschütternde Vorkommnisse waren innerhalb weniger Tage in Österreich zu beklagen. Ein Vorstandsmitglied einer Bank hat sich aus Angst um seine Zukunft erschossen, ein Wiener Clubobmann hat sich vor den Zug geworfen und ein Schüler hat seiner Lehrerin mit einer großkalibrigen Waffe eine Kugel in den Kopf gejagt. Was gleich nach diesen tragischen Ereignissen folgte, waren öffentliche Aufarbeitungen und Erklärungen.

Auffallend an dergleichen Analysen ist stets die Selbstverständlichkeit der Schuldzuweisung. Einmal ist es das Elternhaus, einmal die Schule, ein andermal sind es die politischen Umstände. Immer erforscht jemand scheinbar zielsicher, in Wahrheit aber einfältig und linear die Ursachen des Unglücks.

Die Welt ist voll von weißbemäntelten, gescheiten und bebrillten Leuten, die das Netz der Wissenschaften bekriechen und beschnuppern. Immer dann, wenn diese Leute einen interessanten Knotenpunkt im Netz erfaßt haben, verkünden sie freudvoll eine neue Entdeckung. So entstanden die "Ologien" und "Onomien". Es gibt die Geologie, Psychologie, Kynologie, Astronomie, um nur einige wenige zu nennen.

Manchmal werden aber nicht Erkenntnisse sondern bloße Vermutungen veröffentlicht, wie die nächsten Knotenpunkte des Wissens beschaffen sein könnten. So entstanden und entstehen die simpelsten und gleichzeitig gefährlichsten "Ologien", nämlich die Ideologien. Ideologien werden gesteuert von zentralen Ideen, die den zweifelhaften Vorteil haben, daß sie nicht überprüft zu werden brauchen, weil sie nicht überprüft werden können. Ideologien sind die Feinde aller Wissenschaften, und eine der schonungslosesten Ideologien liegt im leichtfertigen Urteilen über Menschen mit unvermeidlicher Veröffentlichung der "Erkenntnisse".

Der in Amerika lebende österreichische Psychologe und Autor Paul Watzlawick hat einmal sinngemäß gemeint, daß es ein Unding sei zu glauben, genau zu wissen, was der jeweils andere Mitmensch tatsächlich denke und fühle. Man sollte seine Worte ernst nehmen und nicht versuchen, tragische Vorfälle unbedacht auf einfache Ursachen zurückzuführen und dies auch noch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verwechseln.

Jeder Mensch hat in jeder - auch in einer schrecklichen - Situation ein gewisses Recht auf Schutz seiner Persönlichkeit. Dies nicht bloß aus dem Blickwinkel der Menschenrechte sondern auch der Wissenschaft. Diese kann zwar viele Dinge aber noch lange nicht alle komplexen Seelennöte erklären.

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© 1997 Rudolf Öller, Bregenz