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FORTSCHRITT MIT AUGENMASS

Ein Gespenst geht um in Österreich - das Gespenst der Gentechnik. Alle vermeintlichen Mächte der Fortschrittsfeindlichkeit scheinen sich zu einer Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet zu haben: Vereine, Umweltschutzbewegungen, Tageszeitungen, Bauern, Landespolitiker, Hausfrauen - eine ungewohnt bunte Koalition.

So etwa präsentiert sich die Situation für die Befürworter der Gentechnik kurz vor dem Start des österreichischen Gentechnik-Volksbegehrens.

Die Stellungnahmen zum Thema gehen weit auseinander. Die Proponenten des Volksbegehrens verlangen eine strenge Beschränkung der Gentechnik. Das Europaparlament hat ein weltweites Verbot des Klonens von Menschen gefordert, das Klonen von Tieren soll jedoch nach Auffassung der Europa-Abgeordneten zum Nutzen der menschlichen Gesundheit gestattet werden. Der schottische Forscher Ian Wilmut, der wissenschaftliche "Vater" des Klon-Schafes "Dolly" warnte in Washington vor einem "übereilten Verbot" jeglichen Klonens, und US-Senator Tom Harkin verglich ein wissenschaftliches Moratorium von Präsident Clinton zum vorsichtigeren Umgang mit der Gentechnik sogar mit dem kirchlichen Rede- und Schreibverbot für den italienischen Astronomen Galileo Galilei.

Die Verwirrung wird komplettiert durch Wortmeldungen, wonach das Klonen gar nicht Sache der Gentechnik und deshalb von dieser getrennt zu betrachten sei.

Trotz aller Erregung ist eine sachliche Entscheidung nach wie vor möglich, denn das Ziel des Volksbegehrens ist letztlich nicht die Verhinderung einer modernen Wissenschaft sondern eine Forschung mit Sorgfalt und Verantwortung. Schon viel zu oft hat sich die übereilte Einführung neuer Formen der Technik am Ende als Irrtum samt Schaden herausgestellt. Die Kernenergie und die halogenierten Kohlenwasserstoffe sind nur zwei Beispiele von vielen.

Die erste Forderung des österreichischen Volksbegehrens nach einem Verbot der Herstellung und des Verkaufs gentechnisch veränderter Lebensmittel wird sich nur schwer verwirklichen lassen. Ein Freisetzungsverbot genmanipulierter Organismen liegt schon eher im Bereich des Möglichen. Ein Verbot der Patentierung von Lebewesen ist schließlich eine Forderung, die man guten Gewissens und aus vielerlei Gründen unterstützen muß.

Beim Gentechnik-Volksbegehren geht es nicht nur um konkrete Forderungen. Es geht längst auch um einen Protest der Bevölkerung gegen eine schleichende Synthetisierung und Gefährdung unserer Nahrungsgrundlagen. Die bösen Zumutungen haben die Grenzen des Erträglichen längst gesprengt: BSE bei Rindern, Salmonellen im Geflügel und in Eiern, verbotene Hormone im Kalbfleisch, Antibiotika im Schweinefleisch, Nitrat-Überdosierungen im Gemüse, Atrazin und andere Gifte im Trinkwasser, um nur einige Skandale zu nennen.

Der Forscherdrang im allgemeinen und die Gentechnik im besonderen lassen sich nicht aufhalten. Fortschritt findet laufend statt, und er liegt nicht nur im Erfinden und Entdecken sondern auch im Aussortieren von Schädlichem. Eine Unterschrift unter das Volksbegehren ist daher keine Absage an jegliche Fortentwicklung sondern eine Stimme für einen Fortschritt mit Augenmaß.

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© 1997 Rudolf Öller, Bregenz